Zen im Alltag, Teil 8.
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Wir haben diese Gedanken und Erinnerungen, doch einmal müssen wir alles vollkommen loslassen, alles abwerfen. Die dualistische Haltung müssen wir einmal beiseite legen, um zu der Quelle, zu der Wahrheit zurückzufinden. Solange wir noch versuchen es zu verstehen, es intellektuell angehen, finden wir nicht dorthin. Es ist so, als ob wir vollkommen sterben müssten, alles loslassen. Es geht dabei nicht nur um den Körper und den Atem, es geht auch um den Geist. Um diese Ruhe zu finden, müssen wir alle Ideen vollkommen beiseite legen. Wir müssen dem eigenen Tod so nahe kommen, dass wir wieder frisch und neu geboren werden können. Viele Leute sitzen hier, und sitzen auch Zazen, und viele gehen dabei so weit, dass sie dem eigenen Tod nahekommen. Es bedarf eines sehr festen Entschlusses. Es ist leicht, Zazen zu sitzen, um eine gewisse Ruhe zu erleben. Doch man muss soweit gehen, dass man selber stirbt, dass das Selbst einmal stirbt, um neu geboren zu werden, und dafür bedarf es einiger Mühen.

Die Wissenschaftler sagen, dass wir mit einem Bewusstsein von einer Null geboren werden. Wenn wir im Alter von 16 Monaten sind, dann können wir von unserem Bewusstsein her Eins verstehen, Eins erleben. Und erst mit 23 Monaten erleben wir unser Selbst, erleben wir unser Ich zum ersten Mal. Und von dort her, von diesem Punkt her können wir viele Dinge entwickeln. Von dort her kommt die Kultur hervor, die Erfindungen und alle Entwicklungen der Menschheit. Das ist das ganz Besondere an den Menschen, doch genau von dort her kommen auch die Probleme. Wie es auch in der Bibel heißt: Werdet zum Geist eines Kindes. Erst dann könnt ihr in das Himmelreich eintreten. Das ist der Geist eines Kindes, der - bevor dieses Ego, dieses Selbst so stark wurde -, der davor direkt erleben konnte. Von dort können wir unser wahres Selbst erleben. Doch dieses Selbst wird in unserer heutigen Gesellschaft gestärkt und versucht, sich selber immer nur zu beschützen. Versucht das Beste für sich zu erhalten. Das ist unsere Gesellschaft heutzutage. Das Ego, das Selbst, bringt es uns wirklich Glück? Von Anbeginn ist dieser Geist jenseits des Dualismus in uns. Wir haben ihn nicht verloren, er ist immer noch in uns. Es ist dieser Geist, der von einem Kinde erlebt wird, der jenseits des Dualismus die Dinge einfach so erleben kann, wie sie sind. Das ist die Basis der inneren Ruhe, die wir erleben können, jenseits von gut und schlecht. Weil wir dafür keine besseren Worte finden, können wir es vielleicht Gott nennen. Wir können es auch Buddha nennen. Egal wie man es nennen mag, es ist ein Bewusstsein, das zur wahren Basis des eigenen Selbst zurückgekehrt ist. Und von dorther können die Probleme zum ersten Mal wahrlich gelöst werden.

Wir mögen vielleicht das Beste in unserem Leben tun, auch für andere Menschen, aber solange das Ego noch dabei seine Hand im Spiel hat, versucht es immer noch, etwas Gutes für sich selber zu erhalten. Wir müssen dieses Ego, dieses Selbst vollkommen beiseite legen, unser Selbst vollkommen sterben lassen, um dieses neue Bewusstsein hervorbringen zu können. Dann erleben wir die Welt ganz anders. Es ist nicht so, dass von dorther keine Gesellschaft bestehen kann, sondern wir sehen den Schmerz einer anderen Person, er wird zu unserem eigenen Schmerz. Und es ist nicht der Schmerz einer anderen Person, den wir vielleicht dann heimlich als Freude erleben, es ist diese Fülle der inneren Lebensenergie, die sich auf die ganze Menschheit ausweiten kann. Wir können alles direkt und klar erleben. Das ist das Erwachen zu dem eigenen Selbst, zum wahren Selbst, das immer noch in uns ist. Das ist der Weg des Zazens. Um zu diesem Erleben im Zazen zu kommen, üben wir Zazen. Es ist das Bemühen, das dabei notwendig ist, um zum wahren Selbst zu finden.“

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